Die Geschichte der Tuchweberei von Ihren Anfängen bis in das ausgehende Mittelalter

 von Christian Schütz

 Version 1.1

Die Handweberei ist ein wunderbares Handwerk, das Ausdauer, Geduld, Verständnis, Phantasie und ein kleines bisschen Mathematik erfordert.
Für viele (private) textile Handwerker bietet sie  einen Schmelztiegel in dem jeglicher falscher Stolz, jegliche Selbstbezogenheit und jeder maßloser Anspruch an sich selbst und seine Umwelt so lange geläutert wird bis nur noch die reine Freude zwischen Kette und Schuss übrig bleibt.  Das Tragen von Kleidung war in der Urgeschichte nicht nur ein Ausdruck von Mode und Status einer Person. Sie war eine zwingende Notwendigkeit um sich vor Kälte, Nässe und anderer Witterung zu schützen. Ich möchte die geneigte Leserin/ den geneigten Leser auf eine Zeitreise von der Urgeschichte bis zum ausgehenden Mittelalter einladen. Es gibt heute Bezeichnungen von Tüchern, die auf Ihre ursprüngiche Herkunft einen Umkehrschluss zulassen, dazu später mehr.

Was ist ein Textil?
Ein Textil ist ein Sammelbegriff für...
alle textilen Faserstoffe;
die Halbfarbrikate der Textilen Industrie und Seilerei;
Die Roh- und Fertigfabrikate der verschiedenen Zweige der Textilindustrie und Seilerei;
sowie die aus all diesen hergestellten Fertigwaren.
(Vgl. Koch & Saltow - Fachlexikon für das gesamte Textilwesen 1966 und Grömer S.41, 42)

Die Urgeschichte:
Die Anfänge der Weberei gehen auf die Jungsteinzeit (das Neolitikum) zurück. Hier lassen sich an zahlreichen Fundorten Reste von Gewichtswebstühlen und Webkämme ("Gördelkämme" - vgl. Arndt) nachweisen.  Bei den verwendeten Fasern war der Mensch sehr einfallsreich. So lassen sich unter anderen Baumfasern (z.B. Lindenbast) als Bestandteil verschiedener Wirkereien nachweisen.
In diesem Zeitalter hat ebenfalls das Sprangweben seinen Ursprung, auf das noch einmal in einen eigenen Aufsatz eingegangen werden soll.
Die Antike:
Es wird immer wieder angenommen das die Textilien in früheren Kulturen grob und primitiv waren. Dieses Vorurteil lässt sich durch die zahlreichen Funde aus verschiedenen Kulturen und Zeitaltern nicht halten.

Die Antike:
Es wird immer wieder angenommen das die Textilien in früheren Kulturen grob und primitiv waren. Dieses Vorurteil lässt sich durch die zahlreichen Funde aus verschiedenen Kulturen und Zeitaltern nicht halten. Insbesondere die alten Ägypter hatten eine ausgefeilte textile Hochkultur und waren für ihre feinen Stoffe berühmt. Es gibt bis heute im arabischen Sprachraum Städte, bei denen der Name mit einer sehr langen und hoch entwickelten textilen Kultur in Verbindung gebracht werden kann. So geht beispielsweise die Stoffbezeichnung "Gaze" auf die ägyptische Stadt Gaza zurück. An diesem Ort stellten die Weberinnen und Weber Tücher her, die sich poetisch mit dem Begriff "gewebter Wind" umschreiben lassen. Ein weiteres Beispiel ist der Damast-Stoff. Der Name leitet sich von dem arabischen Begriff Dimasq" (دمشق)‎ ab.

Quelle - Bild: Encyclopaedia Biblica, 1903 - gemeinfreies Bild

Die Webbreite der Gerätschaften variiert in der Vor- und Frühteschichte zwischen 80 cm (statistisches Maß) und 2,40 Meter. Letztere Angabe beruht auf einer Abbildung auf einer griechischen Keramik an der zwei Personen gleichzeitig an einen Gewichtswebstuhl arbeiten, den Fundberschreibungen von Thorsberg (Thorsberger Mantel), Hunteburg (Hunteburger Prachtmantel), und Damendorf. (Vgl. Schlabow).

Welche Garne wurden am Webstuhl verarbeitet?
Laut den überlieferten Quellen aus Europa und Asien lassen sich gesicherte Aussagen über Wolle, verschiedene Tierhaare, Seide und Bysus (sog. Muschelseide) machen. Baumwolle lässt sich vor allem in Vorderasien gesichert nachweisen.
Grömer spricht von der Verwendung von Lindenbastfasern welche in der Urgeschichte zu verschiedenen Alltagsgegenständen verarbeitet wurden. In diesem Bereich steht eine genauere Recherche noch aus.

Plinius der Ältere beschreibt in seinen Aufzeichnungen die Verwendung einer mineralischen Faser, die zu Tischdecken und Leichentüchern verarbeitet wurde. Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit bekam sie in der (alt)griechischen Sprache den Namen "Asbestos" (Das unvergängliche). Die stark giftigen Eigenschaften von diesem Material waren zum damaligen Zeitpunkt noch unbekannt.

Die Bronze- und Eisenzeit:
Während der Bronze- und Eisenzeit wurde die Webtechnik am Webstuhl weiter entwickelt und perfektioniert. Es lassen sich verschiedene natürliche Mischgewebe (z.B. Wolle mit Leinen oder Tierhaaren) in ganz Europa nachweisen. Die Patronen (Bindungen der Kett- und Schussfäden) aus diesen Epochen sind deutlich vielseitiger und repräsentieren zunehmend den Verwendungszweck eines Textiles und den Status der Person die es besitzt.
Spätestens ab diesem Zeitalter lassen sich an verschiedenen Orten Doppel- und Hohlgewebe nachweisen.
Einer der beeindruckendsten Webtechniken sind die Stabdoppelgewebe welche in Skandinavien und im gesamten Ostseeraum eine sehr lange Traditon nachweisen können. Mit dieser Technik werden geometrische Muster in eine doppelte Webkette (doppelte Reihe Kettfäden) eingewebt. Dies ermöglicht eine sehr vielfältige Gestaltung eines Gewebes, das einem bildnerischen Wirken von geometrischen Mustern gleich kommt.
Zu den herrausragendsten Funstücken zählen die Textilfunde aus dem Salzbergwerk in Hallstatt und die Moorfunde aus Thorsberg, Hunteburg und Damendorf. Hier wurden Prachtmäntel entdeckt, die stumme Zeugen für eine sehr hohe Kunstfertigkeit sind. Dies belegt unter anderem die Tatsache, das die Ränder in der Brettchenwebtechnik versäubert wurden. (vgl. Schlabow)

Das Mittelalter
Die Fundlage sieht in enigen Zeitaltern aufgrund des sich veränderten Brauchtumes sehr schwierig aus. So lassen sich im süddeutschen Raum im ausgehenden Früh- bis beginnenden Hochmittelalter nur sehr wenige textile Reste nachweisen, die eine Auskunft über die verwendeten Fasern und Bindungen geben.
Mit wachsender Bevölkerung wurde auch der Bedarf an Tuch immer größer. Das zeigt sich im hohen Mittelalter durch das Aufkommen des sog. Tischwebstuhles, bei dem die Kettfäden nicht mehr mit Litzenstäben, sondern mit Schäften und einer Handhebel-Mechanik ausgehoben wurden. Das Webschwert wurde durch einen sog. "Reedekamm" (abgeleitet von Rieth - einer Schilfart) ersetzt. Dies ermöglichte eine deutlich einfachere und schnellere Arbeitsweise. Ab dem späten Mittelalter gibt es die ersten Nachweise für sog. Kontermarschen-Webstühle. Diese zeichnen sich durch Fußpedale ("Tritte") aus und erleichtern das Ausheben der Schäfte selbst bei komplizierten Bindungen deutlich.

 photo PA040002.jpg  Quelle - Bild: Eigene Aufnahme.

Wurde Baumwollgarn im Mittelalter verarbeitet?
Ausgehend von den vorhandenen Funden aus der Vor- und Frühgeschichte - ja!  (vgl. Katrin Kania S. 36)
Es gibt in den Aufzeichnungen von Gregor von Tours einen Hinweis einen Hinweis, der sich bei der Übersetzung als Baumwollgewebe interpretieren lässt.

Daneben kennen wir aus der textilen Archaeologie folgende Funde:
- Ein Merowingerzeitliches Grab Ende 05. Jhdt. in Form eines Z - gesponnenen Fadens.
- Fruchtkapseln des Baumwollstrauches in Grab 8 von St. Ulrich in Augsburg, 06./07. Jhdt.
- Bülach, im Kanton Zürich (Schweiz) 07. Jhdt
- Die Funde der Bamberger Sepultur enthielten teilweise Fäden aus Baumwolle. (Kania S. 37)
- Diverse Textilfunde im 13. und 14. Jhdt
In diesem Zusammenhang muss sich der Mensch im 21. Jahrhundert verdeutlichen, das die Baumwolle besondere klimatische Bediungungen braucht welche in Europa nicht gegeben sind. Daraus folgt, das es sich um eine Importware handelt, welche sich genau so wie Seide bei der gehobenen Bevölkerungsschicht (Adelige) eindeutlig nachweisen lässt aber sehr teuer gewesen sein dürfte.

Literatur:
Erika Arndt - Handbuch Weben
Deborah Chandler - Learning to Weave (englisch)
Karina Grömer - Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa. Das Buch ist als kostenlose PDF - Ausgabe auf dem Server des Naturhistorisches Museums in Wien hinterlegt.
Ursula Arn - Grischott - Doppelgewebe. Wenig historische Hinweise. Dafür sehr gute Anleitungen.
Doris Diedrich (Herausgeberin) - Ein Buch von alten Fasern. PDF - Datei.  Teil 1  - Pflanzen, Teil 2 - Schafe,  Teil 3 - Felltiere, Teil 4 - sonstige
Karl Schlabow - Textilfunde der Eisenzeit Norddeutschland. Ein Meilenstein in der textilen Archaeologie.
Katrin Kania - Kleidung im Mittelalter. Materialien, Konstruktion, Nähtechnik - ein Handbuch