Kammweberei

 von Katraka Metz

 

 Bild: Webrahmen mit Kamm und Borte (eigene Aufnahme)

 Im Gegensatz zum Brettchenweben sind Funde zur Kammweberei deutlich schwerer nachzuweisen. Das liegt jedoch nicht an einem Mangel an Gewebefunden, sondern an der Schwierigkeit, diese eindeutig zu identifizieren. Das entstehende Gewebe ist eine einfache Leinwandbindung, wie sie genauso gut auch am Gewichtwebstuhl oder mit einem Litzenstab entstehen kann. Funde von Webkämmen verschiedener Art gibt es in Mitteleuropa jedoch fast durchgehend von Bronzezeit bis Spätmittelalter.

Die Kette kann beim Arbeiten auf zwei verschiedene Arten gespannt werden: entweder auf einem Webrahmen wie oben abgebildet, für den jedoch keine Fundbelege existieren, oder zwischen dem eigenen Gürtel und einem festen Gegenstand. Für zweiteres können entweder beide Enden miteinander verknotet und der entstehende Ring immer ein Stück weitergezogen werden, oder der Weber rutscht immer näher an den Befestigungspunkt heran. Diese letzte Variante ist zum Beispiel im Codex Manesse abgebildet, jedoch meist deutlich weniger angenehm zum Arbeiten.

Techniken zur Mustererzeugung gibt es unzählige. Die einfachste ist ein einfaches Einzugsmuster, bei dem die Farbe der einzelnen Kettfäden das Muster bestimmt. Da diese Muster nur aus zwei Reihen bestehen, sind die Variationsmöglichkeiten dabei stark begrenzt.

 

Bilder: Borten mit einfachem Einzugsmuster (eigene Aufnahmen)

Für das mitteleuropäische Früh- und Hochmittelalter sind jedoch noch zwei weitere Mustertechniken nachgewiesen: einfache Auslesemuster, bei denen jeder dritte Faden in der Musterfarbe eingezogen wird (zumeist werden die Musterfäden dabei doppelt so dick genommen wie der Hintergrund, so dass ein plastischer Effekt entsteht) und die Ripstechnik, bei der als Grundmuster Querstreifen eingezogen werden. Bei beiden Techniken werden die für das gewünschte Muster benötigten Fäden in jeder Reihe mit einem Auslesestab oder der Spitze des Webschwertes ausgelesen und nach oben geholt. Die Ripstechnik hat dabei den Vorteil, dass Muster in zwei Farben möglich sind, während die einfache Musterfadentechnik den Vorteil hat, dass der Hintergrund einfarbig bleibt. So entstehen durch beide Techniken sehr unterschiedliche Muster.

  

 

Bilder: Borten mit ausgelesenen Musterfäden (eigene Aufnahmen)

 

Bild: Borte in Ripstechnik (eigene Aufnahme)

Auch ein Broschieren ähnlich wie beim Brettchenweben, bei dem ein Schussfaden vor dem eigentlichen Gewebe liegt und ein Muster bildet, ist möglich und für das Hochmittelalter nachgewiesen.

Zusätzlich gibt es noch andere Mustertechniken, die jedoch für Mitteleuropa nicht oder erst deutlich später nachgewiesen sind. Eine davon ist die sogenannte litauische Dreifarbentechnik, die wie der Name sagt in dieser Zeit nur für Litauen nachgewiesen ist. Hier werden drei Farben immer abwechselnd eingezogen (z.B. rot-weiß-grün-rot-weiß-grün) und abschnittsweise abwechselnd zur Musterfarbe erklärt. So können in einem Band Muster in bis zu drei Farben entstehen, während die anderen beiden Farben jeweils den Hintergrund bilden. Auch überlappende Muster sind möglich. Bei der Verwendung von nur zweien dieser Farben als Musterfarbe kann mit etwas Trickserei auch ein einfarbiger Hintergrund erzielt werden.

 

Bilder: Borten in litauischer Dreifarbentechnik (eigene Aufnahmen)

Weitere Techniken sind zum Beispiel zwei Variationen der Ripstechnik. Die eine stammt aus Schweden und wird nach einer Brettchenwebtechnik gerne auch als "kammgewebtes Doubleface" bezeichnet. Hier werden nicht nur Fäden ausgelesen und nach oben gezogen, sondern obere und untere Fäden getauscht, so dass Vorder- und Rückseite ein Negativbild voneinander ergeben. Dies ist besonders für Gürtel ein sehr nützlicher Effekt, erfordert jedoch deutlich mehr Arbeit und wird schnell instabil, wenn das Muster zu viele Fäden umfasst. Die zweite stammt aus Peru und wird im englischen Sprachgebrauch "Peruvian Spotted Background" genannt. Eine deutsche Übersetzung dieses Begriffes ist mir nicht bekannt. Hier wird außerhalb des Musters jeder zweite Faden der Musterfarbe nach unten gedrückt, so dass in den Hintergrundflächen nur einzelne Punkte der Musterfarbe zu sehen sind.

Literatur:

Bress, Helene (1990): "Inkle Weaving" (Flower Valley Press) - eigentlich über das Weben mit Litzen, aber mit ausführlichen Ausführungen zu verschiedenen Mustertechniken, auch zu zu seltener beschriebenen wie Peruvian Spotted Background und Broschieren. Bietet eher grundlegende Erklärungen und Bilder zu historischen und modernen Stücken als Musterbriefe.

Burchert, Irene (2007): "Ostpreußische Jostenbänder" (Verlag Husum) - viele Musterbriefe von Bändern aus dem 19. Jahrhundert mit ausgelesenen Musterfäden und ein paar wenige in Einzugmuster. Sehr schön, wenn man nach mehr Abwechslung sucht und beim Zeichnen eigener Musterbriefe nicht so kreativ ist.

Dixon, Anne (2012): "The Weaver's Inkle Pattern Directory" (Interweave Press) - grundlegende Anleitungen zu nahezu allen bekannten Mustertechniken, auch einigen hier nicht erwähnten. Zu jeder davon ein paar Musterbriefe, die zum Teil nicht besonders aussagskräftig sind, aber für erste Versuche mit der jeweiligen Technik durchaus ausreichend. Zusätzlich hinten Blankomusterbriefe für alle Techniken zum Kopieren, die ebenfalls gut nutzbar sind. Zusätzlich werden verschiedene Techniken zur Randgestaltung und zum Abschluss der Bänder erläutert. Bietet sowohl eine gute Grundlage für Anfänger als auch viele neue Informationen für Fortgeschrittene.

Schlabow, Karl (1937): "Germanische Tuchmacher der Bronzezeit" - enthält ausführliche Analysen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Techniken zur Erzeugung von Bändern in Leinwandbindung.

Weblinks:

http://www.gewebte-baender.de/ - Sammlung von Bändern und Geschichten/Geschichtlichem dazu rund um die Ostsee, größtenteils Neuzeit