Nadelbinden / Naalbinding
Text und Bilder: Katraka Metz
Literatur & Links: Christian Schütz & Katraka Metz

 Auch wenn Stricken und Häkeln heutzutage als "altmodisch" verschrien sind, gibt es diese Techniken in Europa noch nicht so lange wie die meisten Leute glauben. Stricken war kam erst Ende des 13. Jahrhundert nach Mitteleuropa (Nordeuropa sogar noch deutlich später) und wurde zunächst vor allem für dekorative Gegenstände mit eingearbeiteten Schriftzügen und Schutzsymbolen genutzt (z.B. Kissen). Erst im 15. Jahrhundert finden sich tatsächlich gestrickte Kleidungsstücke, auch hier nur in den reichsten Bevölkerungsschichten. Seine spätere Bedeutung erlangte es erst während der Industriellen Revolution, da es sich im Gegensatz zu den vorher verbreiteten Techniken sehr leicht maschinell fertigen ließ. Häkeln wurde sogar erst ca um 1800 erfunden, ist also eine sehr "neumoderne" Technik.

 

 Die am weitesten verbreitete dieser "alten Techniken" war das Nadelbinden, gern auch mit dem skandinavischen Wort "Naalbinding" oder kurz "Nadeln" bezeichnet. Hier wird mit einer Art großen Stopfnadel, oft aus Holz, Horn oder Knochen, gearbeitet. Oft begegnet einem gerade auf Mittelaltermärkten auch die landläufige Bezeichnung "Wikingerstricken", die jedoch eigentlich unzutreffend ist: Zum einen hat es mit dem Stricken nicht mehr gemeinsam als die Tatsache, dass es eine Möglichkeit ist Wollfäden zu verbinden. Sowohl die Verarbeitung als auch die Eigenschaften des entstehenden Gewebes sind grundverschieden. Zum anderen ist diese Technik keinen falls eine Erfindung der Wikinger: Die ältesten Gewebefunde von nadelgebundenen Stoffstücken sind über 9000 Jahre alt. Im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar finden sich sogar über 10.000 Jahre alte Nadeln, die auf Grund ihrer Form mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls für das Nadelbinden verwendet wurden. Im Gegensatz zum Stricken und Häkeln kann das entstehende Gewebe nicht aufribbeln und es können keine Laufmaschen entstehen, weil bei jedem Stich der ganze Arbeitsfaden durchgezogen wird. Dadurch muss zum einen immer wieder ein neuer Faden angesetzt werden (z.B. durch Anfilzen), zum anderen dauert es so auch etwas länger, ein Gewebe zu erstellen. Dafür sind die entstehenden Stücke deutlich haltbarer.  

Nadelbindenadeln aus Lammknochen, Rinderhorn, Buchenholz und krappgefärbtem Rehgeweih (Bild: Katraka Metz)

 Bild: Nadelbindenadeln aus Lammknochen, Buchenholz, Rinderhorn und krappgefärbtem Rehgeweih in einem Knäul rittersporngefärbter Wolle

Zum Teil ist es jedoch sehr schwierig, Nadelgebundenes und Gestricktes auseinander zu halten, da einzelne Nadelbindestiche wie z.B. der koptische oder Tarim-Stich nahezu identisch aussehen. Vielfach ist selbst für jemanden, der beide Techniken beherrscht, eine Identifizierung unmöglich ohne den Fadenverlauf genau zu untersuchen. Deswegen werden viele Gewebefunde falsch eingeschätzt, so dass sich in nahezu jeder Publikation über das Stricken und/oder Nadelbinden andere zeitliche Angaben finden. Die antiken und frühmittelalterlichen koptischen Sockenfunde aus Äqypten sind mittlerweile jedoch einwandfrei als nadelgebunden identifiziert.

 

 Noch schlimmer als beim Häkeln gibt es beim Nadelbinden unzählige verschiedene Stichvarianten. Ich habe bereits über 50 ausprobiert, kenne jedoch noch viele zu denen ich bisher noch nicht gekommen bin und finde immer wieder neue, die ich noch nicht kenne. Durch die Vielzahl an Variationsmöglichkeiten ist es nahezu unmöglich, eine vollständige Liste zu erstellen. Die meisten lassen sich jedoch in einige Grundkategorien mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden einteilen. Zusätzlich wird diese Einteilung dadurch erschwert, dass sich die meisten Stiche sowohl freihändig mit verschiedenen Schlaufengrößen als auch in sogenannter "Daumenfangmethode" arbeiten lassen, wobei der Daumenumfang die Schlaufengröße festlegt. Je nach Schlaufengröße und Garnstärke sowie Arbeitsrichtung kann der gleiche Stich zum Teil sehr unterschiedliche Strukturen ergeben, so dass vom Netz bis zum Teppich nahezu jeder Verwendungszweck bedient werden kann.

 

Nadelgebundene Mütze

 

Bild: Nadelgebundene Mütze aus mit Krapp und Faulbaumrinde gefärbter Wolle im Korgen-Stich

 

Völlig ausgestorben ist diese Technik nie. In Skandinavien findet man noch einige Leute, die sie beherrschen. Auch in manchen ländlichen Gegenden Deutschlands, insbesondere in Mecklenburg gibt es noch einzelne ältere Menschen, die das Nadelbinden in ihrer Kindheit gelernt haben (Eigene Erfahrung der Autorin). Da die Technik jedoch vor allem aus industriellen Gründen weiten teils von Stricken und Häkeln verdrängt wurde und weitestgehend unbekannt ist, konnten die ersten Gewebefunde zunächst nicht zugeordnet werden. Von den meisten Archäologen wird die Technik heute noch als ausgestorbene Handarbeit eingestuft. Deswegen sind die meisten Sticharten nach den Orten benannt, in denen zum ersten Mal ein Gewebe in dieser Stich Art gefunden wurde.

Gearbeitet wird beim Nadelbinden zumeist in einer Spirale, Zusätzlich zur Strukturvielfalt der unzähligen Stiche gibt es auch noch die Möglichkeit, die Werkstücke durch Mustervariationen wie Flechtmuster, Längs- und Querstreifen und ausgelesene Muster zu verzieren. Diese Techniken lassen sich sich auf unzählige Weisen kombinieren und bieten sehr abwechslungsreiche Gestaltungsmöglichkeiten. Auch ein Einarbeiten von Glasperlen ist möglich, dazu muss jedoch für jede Perle der Faden vor dem Stich aus der Nadel gezogen und die Perle aufgefädelt werden. Das kostet einiges an Zeit, gibt jedoch insbesondere Haarnetzen und anderen größtenteils zur Zierde gedachten Verwendungszwecken sehr interessante Details.

Nadelgebundenes Haarnetz

 

Bild: Haarnetz aus naturweißer Wolle mit eingearbeiteten handgedrehten Glasperlen

Weiterführende Literatur:

§  Ulrike Claßen-Büttner Nadelbinden - Was ist denn das?: Geschichte und Technik einer fast vergessenen Handarbeit

§  Eva Anderson Nålbindning Historiskt och modernt i Stockholms län. (Schwedisch)

§  Krista Vajanto Euran Emännän Neulakintaat (Finnisch)

§  Gudrun Böttcher Kappe eines Derwisches in Nadelbindungstechnik. In: Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2005

§  Gudrun Böttcher Koptische Nadelbindungstextilien im Museum der Kulturen Basel. In: Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2004

§  Gudrun Böttcher Nadelbindung - Pontifikalstrümpfe des hl. Germanus in Delémont, Schweiz. In: Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2003

Weblinks:

§  Informationen und Anleitungen zum Nadelbinden von Ulrike Claßen-Büttner 

§  Die Homepage von Sanna-Mari (finnisch und englisch)

§  Anleitungen auf Youtube

§  Anleitung zum Nadelbinden bei Flinkhand